Kaum eine Kennzahl wird in der Aligner-Branche so selbstverständlich weitergereicht wie die Behauptung, die eigene Refinement-Rate liege „bei etwa 20 Prozent". Sie taucht in Herstellerpräsentationen, Kursunterlagen und Praxisgesprächen auf, meist ohne Angabe, wie sie gemessen wurde. Die verfügbare Datenlage zeichnet ein anderes Bild. Wer Aligner-Therapie wirtschaftlich kalkulieren will, sollte verstehen, warum die Zahl in dieser Form selten belastbar ist.

Auf einen Blick

  • Eine 2025 publizierte Befragung unter 188 brasilianischen Kieferorthopäden (2.937 selbst berichtete, abgeschlossene Aligner-Behandlungen) ergab: 70,31 % der Fälle benötigten mindestens ein Refinement (Ladewig et al., 2025).
  • Bei Behandlern mit mehr als 20 Jahren seit dem Facharztabschluss lag die Quote bei 82,3 %; 21,95 % aller Fälle brauchten mindestens zwei Refinements.
  • Die Fachliteratur nennt durchschnittliche Refinement-Raten von 40 bis 60 %; branchenüblich sind rund 2,5 Refinement-Scans pro Fall (Branchenschätzung, zitiert in Herstellerpublikationen, Stand 01/2026).
  • Zwei Messfehler erklären die Lücke zur „20-Prozent-Folklore": fehlende Komplexitätssegmentierung und das Mitzählen noch laufender Fälle.

Was die Datenlage tatsächlich zeigt

Die aufschlussreichste aktuelle Quelle ist eine 2025 im Dental Press Journal of Orthodontics publizierte Befragung (Ladewig VM et al., 2025;30(2):e2524248). 188 brasilianische Kieferorthopäden berichteten dort in einem freiwilligen Fragebogen über insgesamt 2.937 abgeschlossene Aligner-Behandlungen der vergangenen 24 Monate. Das Ergebnis: In 70,31 % der Fälle war mindestens ein Refinement erforderlich, 21,95 % der Fälle benötigten mindestens zwei. Bemerkenswert ist der Blick auf die Erfahrenen: Bei Kieferorthopäden mit mehr als 20 Jahren seit dem Facharztabschluss stieg der Wert auf 82,3 %. Das spricht nicht gegen deren Können, sondern für zwei plausible Erklärungen: Erfahrene Behandler übernehmen tendenziell die schwierigeren Fälle, und sie berichten offener, weil ein Refinement für sie kein Makel, sondern ein normaler Behandlungsschritt ist. Methodisch ist zu beachten: Die Zahlen beruhen auf selbst berichteten Fällen einer freiwilligen Befragung, nicht auf einer dokumentierten Fallserie.

Diese Werte passen zur übrigen Literatur: Dort werden durchschnittliche Refinement-Raten von 40 bis 60 % genannt, und im Branchenschnitt fallen etwa 2,5 Refinement-Scans pro Fall an (Branchenschätzung, zitiert in Fachpublikationen des Fertigungspartners, Stand 01/2026). Zwischen diesen Befunden und der gern zitierten 20-Prozent-Marke klafft eine Lücke, die sich nicht mit Behandlungsqualität allein erklären lässt, sondern mit der Art der Messung.

Messfehler Nr. 1: Ein Mischwert ohne Komplexitätsbezug

Eine einzelne Prozentzahl über alle Fallschweregrade hinweg ist nahezu aussagefrei. Ein leichter frontaler Engstand refiniert naturgemäß mit einem Bruchteil der Rate einer schweren multiplanaren Korrektur. Zwei Labore oder zwei Praxen können deshalb beide „20 Prozent" berichten und dabei völlig unterschiedliche Fallportfolios und völlig unterschiedliche Kostenstrukturen haben. Ein Benchmark ohne Komplexitäts-Matching ist nach Einschätzung unseres Fertigungspartners eher eine aus fremdem Marketing übernommene Zuversicht als eine belastbare Kennzahl: Die Zahl fühlt sich gut an, trägt aber keine Entscheidung.

Messfehler Nr. 2: Laufende Fälle zählen als abgeschlossen

Der zweite, subtilere Fehler: Offene Behandlungen werden in die Quote einbezogen, als wären sie fertig. Ein Fall, der seinen geplanten Endpunkt noch nicht erreicht hat, hatte schlicht noch keine Gelegenheit, ein Refinement zu benötigen. Solange der Fallbestand wächst, sieht die Rate systematisch schmeichelhaft aus, bis die Fälle „reifen" und die Korrekturschienen doch anfallen. Wer eine Refinement-Rate ernsthaft bewerten will, darf nur bestätigt abgeschlossene Fälle zählen, deren erwartete Behandlungsdauer vollständig verstrichen ist.

Warum die Zahl wirtschaftlich zählt

Klinisch ist ein Refinement kein Versagen, sondern häufig ein regulärer Bestandteil des Finishings. Betriebswirtschaftlich ist es jedoch ein Kostenposten: zusätzliche Planung, zusätzliche Fertigung, zusätzlicher Versand und Support auf einem Fall, der bereits einmal kalkuliert und bezahlt wurde. Ein Rechenbeispiel aus den Fachpublikationen des Fertigungspartners macht die Größenordnung greifbar: Bei 50 Fällen pro Monat und einer tatsächlichen Refinement-Rate von 20 % entstehen zehn zusätzliche Fertigungsrunden monatlich. Diese Kosten tauchen in keiner Einzelrechnung auf, weil sie sich über Monate verteilen. Liegt die reale Rate näher an den 70 % der Befragung, verschiebt sich die Kalkulation entsprechend deutlich. Kurz: Wer seine echte, komplexitätssegmentierte Closed-Case-Rate nicht kennt, kennt seine Fallkosten nicht.

Zwei Clear Aligner aus dem Fertigungsnetzwerk auf hellem Grund
Jedes Refinement bedeutet eine zusätzliche Planungs- und Fertigungsrunde auf einem bereits kalkulierten Fall.

Richtig messen in drei Schritten

  1. Nur abgeschlossene Fälle zählen. In die Quote gehören ausschließlich Behandlungen, deren geplante Dauer vollständig verstrichen ist und deren Abschluss dokumentiert wurde.
  2. Nach Komplexität segmentieren. Mindestens drei Klassen (leicht, moderat, komplex) trennen; erst dann werden Vergleiche zwischen Zeiträumen, Behandlern oder Systemen aussagekräftig.
  3. Die Rate als Prozess-Output lesen. Die Refinement-Rate ist das Ergebnis von Fallauswahl, Planungsqualität, Staging und Krafterhalt des Materials. Alle diese Stellgrößen lassen sich gezielt verbessern.

Einordnung für die Praxis

Eine ehrlich gemessene Refinement-Rate von 50 oder 60 % ist kein Grund zur Beunruhigung, sie entspricht schlicht der berichteten Realität der Aligner-Therapie. Problematisch ist nicht die Zahl, sondern die Illusion einer niedrigeren. Für die Zusammenarbeit mit Laboren und Fertigungspartnern folgt daraus eine einfache Prüffrage: Wie wird die genannte Rate gemessen, über abgeschlossene Fälle und segmentiert nach Komplexität? Wer darauf keine präzise Antwort erhält, sollte die Zahl nicht in die eigene Kalkulation übernehmen.

Die klinische Bewertung des Einzelfalls, also ob ein Refinement indiziert ist, wie viele Korrekturschritte sinnvoll sind und wann eine Behandlung als abgeschlossen gilt, liegt dabei immer in der Verantwortung der behandelnden Zahnärztin oder des behandelnden Zahnarztes. Daten ersetzen keine Diagnostik; sie machen die eigene Kalkulation ehrlicher.

Redaktion CLARIQUE

Fachredaktion der Clarique Dental GmbH für zahnärztliche Fachkreise. Quellen, Evidenztyp und Stand stehen am Ende jedes Beitrags; Rückfragen an info@clarique.de.

Dieser Artikel in English: English version

Quellen

  1. Ladewig VM et al., Dental Press Journal of Orthodontics 2025;30(2):e2524248 (Befragung unter 188 brasilianischen Kieferorthopäden zu Refinements in der Aligner-Therapie, 2.937 selbst berichtete abgeschlossene Fälle); DOI 10.1590/2177-6709.30.2.e2524248, PMC12101830; Abruf August 2026; Befragung (freiwillige Fragebogenerhebung, selbst berichtete Fälle, keine dokumentierte Fallserie).
  2. Fachpublikationen des Fertigungspartners zu Refinement-Raten von 40 bis 60 % und rund 2,5 Refinement-Scans je Fall sowie Rechenbeispiel mit 50 Fällen je Monat, Stand 01/2026; Abruf August 2026; Branchenschätzung und Herstellerangabe, keine Eigenerhebung von CLARIQUE.

Fachinformation für zahnärztliche Fachkreise im Sinne des § 2 HWG. Die Clarique Dental GmbH erbringt keine zahnheilkundlichen Leistungen und vermittelt keine Patienten; Diagnose, Aufklärung und Behandlung erfolgen ausschließlich durch Zahnärztinnen und Zahnärzte. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechts- oder Abrechnungsberatung.

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